Fast Track

Im Jahr 2022 haben sechzehn Kreativteams ihre Projekte für den Innovationswettbewerb der Filmstiftung eingereicht. Die Jury, bestehend aus Elsa Kremser und Nina Kusturica, hat aus diesen Einreichungen drei Projekte zu Gewinnern gekürt.

Die Gewinnerprojekte des Fast Track 2022

«Tables, Doors, Songs»

Von Jiajia Zhang und Jiří Makovec
Geschätztes Projektbudget: CHF 365’000. Die Zürcher Filmstiftung beteiligt sich mit CHF 292’000

Der experimentelle Film lässt unterschiedliche Lebensvorstellungen aufeinanderprallen:
Die Erzählung beginnt mit der Perspektive einer Künstlerin mittleren Alters, die ihr neugeborenes Baby nach langjähriger Pandemie und unter erschwerten Bedingungen ihrer chinesischen Familie zeigt. Dabei treffen drei Generationen aufeinander, die kulturell, politisch und ihre Lebensvorstellungen betreffend nicht unterschiedlicher sein könnten. Teils Dokumentarfilm, teils mit fiktionalen Episoden und Akteuren, verweben sich Sichtweisen dreier Generationen zu einem komplexen Geflecht. Im Zentrum stehen (Dreh)tische, an denen gemeinschaftlich gegessen wird, unterschiedliche Türen, durch die man geht, die man aber auch gerne wieder schliesst und Lieder, die mal sentimental, mal rebellisch ertönen und dabei immer mit Emotionen verbunden sind.

Begründung der Jury:
Formal und inhaltlich wird dieses experimentelle filmische Essay neue Wege gehen. Das Vorhaben besticht durch den visuellen Ideenreichtum, seine Dichte und sein stringentes Konzept. Es wird eine zeitgenössische Form der zwischenmenschlichen Kommunikation beleuchten, hinterfragen und auf bislang ungesehene Art eine tiefgreifende Reflexion über moderne Familien bieten. Dabei verspricht die Künstlerin auch Leichtigkeit und Humor.
Räumlich getrennt und unterschiedlichsten Realitäten verbindend, behandelt sie ein gesellschaftliches Thema, welches breite Identifikationsmöglichkeiten bietet. Diese persönliche Geschichte wird ihr Publikum universell und international berühren können und verspricht eine weitreichende Festivalkarriere.

«Wolves»

Von Jonas Ulrich und Nicole Boner-Ulrich (Dynamic Frame GmbH)
Geschätztes Projektbudget: CHF 396’300. Die Zürcher Filmstiftung beteiligt sich mit CHF 317’000

Eine junge Frau, frustriert über die Gesellschaft und ihre Eltern, findet Zuflucht in der lokalen Metal-Szene. Doch ihr Leben gerät aus den Fugen, als sie sich in einen radikalen Musiker verliebt und mit ihm Schritt für Schritt auf Abwege gerät.

Begründung der Jury:
Das Vorhaben überzeugt durch seinen reflektierten Umgang mit der Metal-Szene, einem exklusiven Zugang dazu und der gewählten Arbeitsmethode zwischen Fiktion und dokumentarischen Elementen. Es verspricht einen Einblick in eine Welt, die klischeebehaftet und politisch nicht unproblematisch ist. Denn eine Frau an einem Metal-Konzert erhält so viel Aufmerksamkeit wie nirgendwo sonst, im Guten wie im Schlechten. Frauen sind im Publikum zunehmend präsent, jedoch kaum auf der Bühne. Gleichwohl kämpft die Szene, wie andere Musikgenres auch, mit tiefgreifendem Sexismus.
Der Film will Zuschauenden eine universelle Geschichte über die Machtmechanismen einer toxischen Liebesbeziehung in einem wenig sichtbaren Mikrokosmos näherbringen. Alternative Konzertkeller, verrauchte Backstage-Bereiche und zu Proberäumen umfunktionierte Luftschutzbunker bilden die besondere Textur des Filmes. Das Projekt spielt wortwörtlich im musikalischen Underground. Dort treffen sich neben vielen anderen Subkulturen auch die Fans des Black Metal, im Schutz dieses Undergrounds existieren unter anderem auch Bewegungen, die in einer gewissen Nähe zur rechtsradikalen Szene stehen. Ein spannendes, vielschichtiges und vielversprechendes Vorhaben eines talentierten Kreativteams.

«Peace Untold»

Von Robin Burgauer und Robbert van Rooden (Inlusio Interactive GmbH)
Geschätztes Projektbudget: CHF 400’000. Die Zürcher Filmstiftung beteiligt sich mit CHF 315’000

Ein VR-Film über das Ringen um Frieden. Am 19. September 1946 fanden in der Schweiz zwei historische Ereignisse statt, die uns bis heute prägen und gegensätzlicher nicht sein könnten. Winston Churchill hielt in Zürich seine weltbekannte Rede, in der er für den Frieden die «Vereinigten Staaten von Europa» forderte – aber mit seinem Begriff des «Eisernen Vorhangs» Russland ausschloss. Gleichzeitig trafen sich Föderalisten aus ganz Europa in Luzern zur vergessenen «Hertensteiner Konferenz», an der – konträr zu Churchill – eine Erneuerung Europas «von unten» und gemeinsam mit Russland gefordert wurde.
Die Zuschauenden werden in VR in die Vergangenheit versetzt und erleben, wie sich eine junge Frau aufgrund ihrer Kriegserlebnisse mit einer Friedensidee auseinandersetzt, die heute jeden einzelnen von uns betrifft.

Begründung der Jury:
«Peace Untold» macht eine wenig bekannte Friedensgeschichte zugänglich, die durch den Krieg in der Ukraine eine dringliche Aktualität erhalten hat. Das Team bringt die notwendige Erfahrung und ihr Netzwerk überzeugend und engagiert ein – nicht nur die technische, sondern auch die narrative Herausforderung betreffend. Das Konzept besticht in seiner Klarheit trotz der Komplexität, ein schwieriges Thema zu vertiefen. Ideenreich und vielversprechend ist es auch auf emotionaler Ebene und lässt eine visuell innovative Umsetzung erwarten.
Auch wenn es ein Ereignis der Vergangenheit beleuchtet, welches die europäische Geschichte geprägt hat, wird es gerade in den aktuellen Zeiten für das Heute und Morgen sensibilisieren. Der Herausforderung, das Thema Frieden zu vertiefen und sich dabei nicht vor einer kritischen Auseinandersetzung mit dem IKRK zu scheuen, stellt sich das Team offen und bewusst. Das Projekt hat die Chance, ein Meilenstein für narrative Projekte im VR zu werden.